CRAZY ODER CLEVER?

SCHWEDEN Energie, die vom Himmel fällt. Ein Wachsmotor, der mit lauwarmem Wasser läuft. Ein Perpetuum mobile … Spinnereien von Fantasten? Vielleicht, aber was wäre, wenn diese Ideen wirklich funktionieren?

Auf einem Konferenztisch in Stockholm liegen ein Neun-Volt-Akku, einige Elektrokabel, drei Glühbirnen auf einem Holzbrett und ein paar glänzende Metallkästen, in denen sich ein Gerät befindet. Der Erfinder dieser bahnbrechenden Energieerzeugungsvorrichtung, der Südamerikaner Antônio Gonçalves Barros, ist nicht vor Ort, weil man ihm angeblich den Pass gestohlen hat. Stattdessen hat er seine zwei schwedischen Repräsentanten Bo und Lars gesandt, um den Vattenfall Experten seine Erfindung zu demonstrieren. Bo ist ein pensionierter Ingenieur, war über Jahre beim schwedischen Unternehmen Sandvik tätig und arbeitet heute für Barros. Lars ist Patentprüfer.

Die Besucherausweise hängen ordentlich über ihren Krawatten. Lars prüft das Gerät ein letztes Mal. Es soll kosmische Strahlung bündeln und in Elektrizität umwandeln. An das Gerät ist eine Batterie angeschlossen, aber es ist klar, dass sie allein für die Lampen nicht reicht. Wenn sie aufleuchten, heißt das, die Erfindung funktioniert. Dann würde in den Mauern von Vattenfall wieder einmal ein neues Kapitel Technologiegeschichte geschrieben.

„Nun“, sagt Lars und fährt sich mit der Hand durch seine grauen Haare, „ich denke, es ist so weit.“ Er rückt seine Brille zurecht. Dann schließt er die Kabel an.

Gegenüber am Tisch steht Mikael Nordlander aus der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Vattenfall und beobachtet das Geschehen stillschweigend. Seine Arme sind über der Brust verschränkt.

„Mehrere andere Unternehmen wollten sich diese Demonstration gar nicht erst ansehen, darunter auch ein finnischer Konzern, der Bedenken wegen der Strahlung hatte. Aber wir waren uns ziemlich sicher, was wir tun“, berichtet Nordlander, als wir ihn ein paar Wochen später treffen.

tüftler und Technikfirmen
Mikael Nordlander spricht mit festem Blick und ruhiger Stimme. Er erzählt uns von den Menschen hinter all diesen Ideen, die er und seine Kollegen bei R&D bewerten. Nordlander leitet ein Team von Ingenieuren, die nach Lösungen für das Energiesystem der Zukunft suchen – sich Erfindungen von außerhalb des Unternehmens anzusehen, ist so eine Art Zusatzjob. Zwischen zehn und 40 Vorschläge gehen jedes Jahr ein. Die meisten davon werden schnell verworfen. Alle Erfinder erfahren den Grund, warum ihre Ideen nicht funktionieren oder nicht für Vattenfall geeignet sind.

„Wir müssen diese Erfindungen unvoreingenommen beurteilen und uns bemühen, diese zu verstehen. Dabei befürchten wir immer, irgendein wichtiges Detail zu übersehen. Es wäre unverzeihlich, wenn wir einer brillanten Idee, die auf meinem Schreibtisch gelandet ist, nicht nachgehen. Schließlich sind wir in den Augen vieler Menschen noch immer das Energieunternehmen des Volkes. Da sind ausführliche und hilfreiche Antworten das Mindeste, was wir tun können.“

Jeder, vom Garagentüftler bis zu kleineren Technologieunternehmen, wendet sich mit Ideen und Erfin-dungen aus dem Energiesektor an Vattenfall. Viele glauben, Vattenfall baue und entwickle noch immer Geräte, Infrastrukturen und Kraftwerke.

„Wir haben eine lange Tradition erfolgreicher Produktentwicklungen“, sagt Nordlander. „Der Dreipunktgurt in Fahrzeugen oder die Wärmepumpe sind solche Beispiele. Der Gurt konnte schon mehr als eine Million Leben retten, und das schwedische Wärmepumpengeschäft hat einen Milliardenumsatz.“

Viele der vorgeschlagenen Ideen drehen sich um Geräte. Einige funktionieren gut, stoßen aber bei Vattenfall auf kein wirtschaftliches Interesse. In solchen Fällen versuchen Nordlander und seine Kollegen den Erfindern Tipps zu geben, an wen sie sich wenden können. Eventuell kauft Vattenfall diese Geräte dann zu einem späteren Zeitpunkt.

„Das kann zum Beispiel der Fall sein bei Equipment für Offshore-Windparks in rauen Witterungsbedingungen. Derzeit testen wir einen Motor mit Paraffinwachs, das abwechselnd geschmolzen und gehärtet wird. Durch lauwarmes Wasser wird eine Bewegung erzeugt, die zur Stromgewinnung genutzt werden kann. In einer Demonstration konnte ich mich schon von der Funktionstüchtigkeit der Lösung überzeugen, und die Kosten scheinen auch im Rahmen zu sein. Allerdings ist es schwer, dafür eine reale Anwendungsmöglichkeit zu finden.“

Einige erfolgreiche Ideen
Als eine der erfolgreichen Ideen, die Nordlander und sein Team überzeugt haben, hat sich ein neuartiger Anemometer erwiesen, ein Gerät zur Windrichtungsmessung, das von Forscher Troels Friis Pedersen an der DTU (Dänemarks Technische Universität) entwickelt wurde. Nach der Auswertung der Erfindung investierte Vattenfall in das Unternehmen Romo Wind, das Unternehmen, das heute für die Fertigung des Produktes lizensiert ist.

„Der Anemometer wird direkt an der Rotornabe angebracht und nicht mehr wie sonst hinter den Rotorblättern. Führten Verwirbelungen durch den Rotor vorher zu Messungenauigkeiten, so kann die Windrichtung mit dem neuen Gerät jetzt präziser gemessen werden. Und die Kosten dieser Lösung betragen nur einen Bruchteil von dem, was es an Verlusten gäbe, wenn die Turbine nicht richtig im Wind ausgerichtet wäre.“

Nordlander zieht eine kleine Kunststoffflasche aus der Tasche. Darin befinden sich etwa zehn runde schwarze Stäbchen. Er hält die Flasche zwischen Daumen und Zeigefinger. Beim Herumdrehen klappert es. Es sind schwarze Pellets aus Biomasse, die so raffiniert wurden, dass sie Steinkohle ähneln. Gemeinsam mit normaler Kohle können diese Stäbchen zur Befeuerung von Kraftwerken genutzt werden.

„Dies ist das erste Muster, das wir erhalten haben. Gemeinsam mit der Firma, von der die Idee stammt, haben wir die Technologie weiterentwickelt und die weltweit ersten erfolgreichen und umfassenden Cofiring-Versuche damit gestartet. Das war 2011, nur wenig mehr als ein Jahr, bevor Biomasseprojekte eingestellt wurden. Technisch funktionierte es, aber der Preis von Kohlendioxid und Kohle ist niemals auf das Niveau gestiegen, das für eine rentable Durchführung nötig gewesen wäre.“

„Wir befürchten immer, irgendein wichtiges Detail zu übersehen. Es wäre unverzeihlich, wenn wir einer brillanten Idee, die auf meinem Schreibtisch gelandet ist, nicht nachgehen.“ Mikael Nordlander, Vattenfall R&D.

 

Ein magnetischer Trichter
Es war letzten Herbst als Nordlander von Bo kontaktiert wurde, der ihm Barros Erfindung näherbringen wollte. Die Idee war innovativ und betraf eine bisher ungenutzte Energiequelle, nämlich Myonen. Das sind eine Art kosmische Strahlen, ähnlich wie die Photonen bei der Solarenergie. Jede Sekunde fällt ein Myon auf einen Bereich von der Größe eines Fingernagels herab. Und auch, wenn die Energie jedes Myons nicht sehr hoch ist, so ist sie doch jederzeit vorhanden – ein Vorteil, den nicht viele erneuerbare Quellen haben.

Barros behauptete nun, er habe eine Art magnetischen Trichter gebaut, der den Myonenniederschlag eines Areals von 50 Quadratkilometern auf einen einzigen Punkt bündeln kann.

„Das würde ziemlich viel Energie produzieren“, meint Nordlander. „Natürlich war ich skeptisch, ob es möglich ist, kosmische Strahlung mit einem kleinen Desktop-Gerät zu steuern. Außerdem ergab eine grobe Berechnung, dass die Energie der einfallenden Myonen in etwa der Leistung von Forsmark 1, einem von Vattenfalls Kernkraftwerken in Schweden, entspräche – allerdings gerechnet auf die gesamte Erde. Also, selbst wenn die Technologie entgegen allen Erwartungen funktionieren würde, wäre sie niemals in der Lage, einen größeren Energiebedarf zu decken.“

Das Ergebnis
Und wie ging jetzt die Vorführung des magnetischen Trichters von Barros aus? Nun, das Gerät wurde eingeschaltet, und die Lampen gingen nicht an. Barros Vertreter behaupteten, dass die Lampen bei drei vorhergehenden Demonstrationen aufgeleuchtet hätten, aber Nordlander war skeptisch.

„Wären die Lampen angegangen, hätten wir das Projekt vielleicht fortgesetzt und nicht abgelehnt. Als ich aber einen der Kästen, der angeblich ein Spannungswandler sein sollte, näher untersuchte, fand ich versteckt ein schwarzes Teil mit der Aufschrift ‚batteria‘. Dies erklärte, warum der Spannungswandler, der normalerweise nur ein paar Zentimeter lang ist, so groß war und fast zwei Kilogramm wog. Die versteckte zusätzliche Batterie war eingeschmuggelt worden, um die Lampen betreiben zu können.“

Nordlander brachte es nicht übers Herz, den zwei Gentlemen zu erzählen, dass Barros sie mit der Zusatzbatterie buchstäblich hinters Licht geführt hatte und dass sie wahrscheinlich die Erklärung dafür war, warum das Gerät in der Vergangenheit zu funktionieren schien. Stattdessen gab er ihnen eine gründliche physikalische Erläuterung darüber, warum diese Erfindung niemals die Mengen an Energie würde produzieren können, um praktikabel zu sein. „Im Anschluss berichteten sie, dass sie die Erfindung schon einer Reihe von anderen Unternehmen in Skandinavien präsentiert hätten. Und sie meinten, dass wir bei der Prüfung der Idee die meiste Kompetenz bewiesen hätten. Wir freuen uns natürlich, dass wir auf diese Weise wahrgenommen werden.“

Auch wenn das bedeutet, dass wir uns für Ideen Zeit nehmen, die am Ende zu nichts führen. Nordlander hält derartige Begegnungen jedoch nicht für Zeitverschwendung. „Früher waren es vermehrt die Mitarbeiter von Vattenfall, die mit solchen mehr oder weniger verrückten Ideen an uns herantraten“, berichtet er. „Mittlerweile investieren wir aber nur noch in Ideen, wenn wir davon ausgehen können, dass sich dafür in Zukunft eine geschäftliche Anwendung findet. Wenn aber unser Kerngeschäft weniger rentabel wird, wird die Notwendigkeit, über den Tellerrand zu schauen, wichtiger. Dann ist es gut, wenn man ein paar zusätzliche Inspirationen von freien Denkern aus der Außenwelt bekommt – auch wenn das bedeutet, dass wir eventuell Ideen erhalten, die einfach zu gut sind, um wahr zu sein.“

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