IM OSTEN WAS NEUES

Deutschland Bei seiner ganz persönlichen Energiewende wechselt Logistiker Steffen Kirsch mit dem Ende der Braunkohle am Berliner Standort Klingenberg nach Marzahn, wo aktuell eine hochmoderne Gas- und Dampfturbinen-Anlage entsteht.

Steffen Kirsch ist Frühaufsteher. Um halb fünf beginnt sein Tag, dann trinkt er schnell eine Tasse Kaffee und schwingt sich auf sein Rad. Seit 31 Jahren fährt der Logistiker bereits dieselbe Strecke, zehn Kilometer aus Köpenick zum Heizkraftwerk Klingenberg, zehn Kilometer zurück. „Das ist mein tägliches Sportpensum, damit halte ich mich fit.“ Dieses Pensum wird sich bald sogar noch erhöhen. Denn Steffen Kirsch gehört zu den Mitarbeitern am Standort Klingenberg, die durch den Brennstoffwechsel von Braunkohle zu Gas und der damit verbundenen Verringerung der Betriebsmannschaft vor Ort nicht nur eine neue Aufgabe, sondern auch einen neuen Arbeitsplatz erhalten. Und zwar in Marzahn, wo Vattenfall aktuell eine hochmoderne Gas- und Dampfturbinenanlage errichtet, die in Kombination mit Klingenberg den Berliner Osten mit Fernwärme versorgen wird. Mitte Juni war dort Spatenstich – fast zeitgleich mit der Abschaltung der Braunkohleanlage in Klingenberg. Einen Tag in der Woche ist Steffen Kirsch bereits vor Ort, um sich einzuarbeiten. Die restliche Zeit wickelt er seinen alten Bereich ab. „Ich befinde mich sozusagen gerade im ‚Übergangsbetrieb‘. Erst, wenn alle Anlagenteile, die künftig nicht mehr benötigt werden, gereinigt und die Abfälle fachgerecht entsorgt sind, wechsele ich ganz nach Marzahn.“ Das wird vermutlich Anfang 2018 der Fall sein. Ob er sich darauf freut? „Natürlich! Wann hat man sonst die Gelegenheit, den Neubau einer der modernsten Gas- und Dampfturbinenanlagen von der Grundsteinlegung bis zur Inbetriebnahme mitzuerleben?“

Neue Ära mit neuen Herausforderungen
Bis Ende Mai dieses Jahres war Steffen Kirsch in Klingenberg im Bereich Logistik für die Ver- und Entsorgung zuständig. Was bedeutete das in seinem Arbeitsalltag? „In erster Linie die Pflege und Wartung der Anlagenteile, die Abfallentsorgung, Bestellung von Chemikalien und der Verkauf bzw. die Verladung von Schwefeldioxid (SO2), einem in großen Mengen hochgiftigen Abfallprodukt, das bei der Braunkohleverbrennung entsteht. Da waren bei der Verladung Fingerspitzengefühl und große Sorgfalt gefragt. Ohne Atemmasken lief dabei nichts. Auch die Brennstoffbestellung der Braunkohle fiel in seinen Bereich. Bei Gas ist das anders. Erdgas wird am Markt gehandelt und kommt per Leitung aus West- und Osteuropa direkt zu den Standorten. „Da muss nichts bestellt werden“, erklärt Steffen Kirsch. „Da wird nach Verbrauch abgerechnet.“ Grundsätzlich wird er auch in Marzahn als Logistiker vor allem Fremdfirmen betreuen, die sich um die Abfallentsorgung kümmern. Aber es werden andere Produkte mit neuen Herausforderungen sein. Für seine Aufgabe als Facility Manager hat Steffen Kirsch bereits verschiedene Weiterbildungen besucht, insbesondere im IT-Bereich. „Marzahn wird ja eine hochmoderne Anlage sein, da sind zusätzliche Kenntnisse gefragt.“

In großen, farbig gekennzeichneten Tanklagern wurden die Chemikalien gelagert, die für die Braunkohlefeuerung entweder benötigt oder währenddessen produziert wurden.

Und plötzlich war die Mauer weg
Als Steffen Kirsch seine Ausbildung zum Maschinisten begann, befand sich das Heizkraftwerk Klingenberg noch in einem anderen Land, der ehemaligen DDR. Das war 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall. Apropos Mauerfall: „Den habe ich tatsächlich verschlafen!“, erzählt er und lacht. Morgens im Radio hieß es plötzlich: Die Mauer ist weg! Das konnten wir gar nicht glauben. Also bin ich wie jeden Morgen zum Kraftwerk gefahren – genau wie meine Kollegen. Nicht einer hat gefehlt. Gegen Mittag hat uns der damalige Anlagenleiter dann nach Hause geschickt. So ging das für mehrere Tage. Man hat vormittags so normal wie möglich weitergemacht und nachmittags Schritt für Schritt den Westen erkundet. Aber erst nach ein paar Tagen, als wir sicher sein konnten, dass man hinter uns die Grenze nicht wieder dicht macht. Es hielt sich nämlich hartnäckig das Gerücht, dass die Sache mit dem Mauerfall nur ein Test sei und dass diejenigen, die einen West-Stempel im Pass hätten, nicht wieder zurück nach Hause dürften. Das wollte keiner riskieren. Zum Glück war es aber wirklich nur ein Gerücht.“ Von der Mannschaft, mit der Steffen Kirsch damals zusammenarbeitete, blieben übrigens alle. „Nicht einer ist in den Westen gegangen, das war wirklich ungewöhnlich. An anderen Standorten gab es doch ziemlich viel Abwanderung.“

Trotz aller Vorfreude auf die neuen Aufgaben, die ihn in Marzahn erwarten, schwingt natürlich auch etwas Wehmut mit. „Ich habe immer gerne hier gearbeitet, alle Veränderungen, die im Laufe von mehr als 30 Jahren zwangsläufig dazu gehörten, habe ich als Schritt in die richtige Richtung empfunden. So auch den Ausstieg aus der Braunkohle. Wer mich danach fragt, dem sage ich offen, dass ich mich über die Umstellung von Kohle auf Gas freue. Das ist nicht nur politisch gewünscht, sondern einfach der nächste logische Schritt für unser Unternehmen.“

Logistik-Experte Steffen Kirsch vor dem Braunkohlelagerplatz in Klingenberg. Jahrzehntelang war der Bereich bis zum Rand gefüllt. Seit Ende Mai ist er komplett geräumt und bleibt auch künftig leer.

Silvester mit Schutzanzug und Atemmaske
Ist denn in den 31 Jahren wirklich immer alles rund gelaufen? „Natürlich nicht! Wo läuft schon immer alles rund?“ An ein Erlebnis erinnert sich der 47-Jährige noch genau. „Das war Silvester 2003. Da konnte ein Waggon mit 56 Tonnen ätzendem Schwefeldioxid nicht mehr von der Rohrleitung getrennt werden. Die Ventile des Kesselwagens schlossen nicht dicht. Das war bis dahin noch nie vorgekommen. Ausgerüstet mit Druckluft-Atemgeräten und Schutzanzügen haben wir mit einem Team von Experten den Waggon über Stunden repariert und wieder auf die Schiene geschickt. Alles ist gut gegangen, niemand kam zu Schaden, und wir konnten sogar noch zuhause mit unseren Familien Silvester feiern“, erzählt Steffen Kirsch.

Herr Kirsch mit dem grünen Daumen
Mit seiner Familie verbringt Steffen Kirsch seine Freizeit ohnehin am liebsten. Und am allerliebsten im eigenen Garten. „Nirgendwo sonst kann ich mich so gut erholen und auftanken. Wir sind richtige Laubenpieper,“ sagt er gut gelaunt. Wenn er von seinem Garten spricht, leuchten seine Augen und es wird klar: Kirsch - der Name ist Programm. In jeder freien Minute hegt und pflegt er das 450 Quadratmeter große Stück Land nahe seiner Wohnung in Köpenick, züchtet Blumen, Obst, Gemüse. „Seitdem wir den Garten haben, muss ich nicht mehr in Urlaub fahren. Früher sind wir viel und weit gereist, das war auch toll, aber heute reichen mir die fünf Minuten bis zur Laube. Dann bin ich da, wo ich sein möchte.“

Seinen grünen Daumen wird er in den kommenden Wochen und Monaten, die er noch am Standort Klingenberg verbleibt, auch offiziell für die Arbeit einsetzen. Gemeinsam mit einigen Kollegen bereitet Kirsch die Fläche für den dritten Vattenfall Gemeinschaftsgarten in Berlin vor. „Der Garten soll vor allem ein Rückzugsort für junge Familien sein, die es seit einigen Jahren in die Rummelsburger Bucht zieht. Die Reihenhäuser haben häufig nur winzige Gärten oder Balkone, viel Platz zum Gärtnern und Spielen bleibt da nicht. Das soll durch den Garten am HKW Klingenberg anders werden, so wie aktuell schon am HKW Mitte und in der Neuen Grünstraße. „Und wer weiß, vielleicht ja irgendwann auch in Marzahn? Das würde mich freuen!“ 

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