ÜBERLEBEN OHNE STROM

Schweden  Warum sollte man sich Gedanken über Strom machen – schließlich ist er ja immer da, oder? Nun, es gibt Leute, die wollen darauf nicht vertrauen und treffen Vorkehrungen für den Ernstfall. Begleiten Sie uns auf eine Reise in die Finsternis.

I n weiten Teilen Schwedens wütet ein schwerer Eissturm. Schon sechs Tage dauert das stürmische Wetter. Eine zehn Zentimeter dicke Eisschicht überzieht Stromleitungen und drückt Bäume nieder – das ganze Land ist lahmgelegt. Fahrzeuge und Häuser sind mit Eis bedeckt. Viele Stromleitungen konnten der Last nicht mehr standhalten. Die Menschen haben die Fenster ihrer Wohnungen und Häuser versiegelt, damit keine Wärme entweicht. Bei denen, die noch etwas zum Verbrennen haben, knistern kümmerliche Holzscheite im Kamin oder Ofen. Wenn die Dunkelheit hereinbricht, versammeln sich alle um ihre Kerzen und Kerosinlampen, um sich warm zu halten. Die klirrende Kälte hat die Bürger solidarisch gemacht und den Zusammenhalt gestärkt – in den Gemeinden wie in den Familien. Die Menschen schlafen eng zusammen in ihren Wohnzimmern, in Zelten oder improvisierten Unterschlüpfen aus Möbeln und Decken.

WENN EIN EISSTURM KOMMT
Was würde passieren, wenn ein Stromausfall mehrere Wochen andauert? Der 36-jährige Andreas Karlsson weiß genau, was er tun würde. Mehrere Jahre hat er damit verbracht, sich auf verschiedenste Krisensituationen vorzubereiten, die meisten Szenarien beinhalten lange Stromausfälle. So hat er alles, was seine Familie braucht, um 60 Tage und Nächte ohne Hilfe von außen zu überleben. Andreas Karlsson ist Survivalist oder „Prepper“, wie sie auch genannt werden.
„Die Menschen verstehen nicht, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist. 1998 wurde in Kanada ein Gebiet so groß wie Schweden von einem Eissturm heimgesucht. Das könnte uns auch passieren – jeden Winter“, meint er.

Prepper oder Survivalisten verbringen viel Zeit damit, sich für verschiedene Katastrophenszenarien zu rüsten. Sie planen Wasser- und Lebensmittelbevorratung, Schutzräume, Sicherheitsvorkehrungen und ein Leben ohne Strom.    

 

Umfragen nach dem kanadischen Eissturm ergaben, dass die Schwierigkeiten beim Heizen und das Fehlen von Strom (in einigen Fällen einen ganzen Monat lang) zu den schlimmsten Erfahrungen in dieser Situation zählten, dicht gefolgt von Stress und Angst. Genau das will Andreas Karlsson durch geeignete Vorbereitungsmaßnahmen verhindern.

Wir sitzen in seiner Küche in einem Einfamilienhaus in Mittelschweden. Aus dem Fernseher im Wohnzimmer dringen Musik und Applaus herüber. Karlssons Lebensgefährtin schaut, wie jeder dritte Schwede, das Halbfinale des nationalen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest. Ihr Sohn sitzt in seinem Zimmer vor einem Computerspiel. Wie die meisten Leute denken sie nicht darüber nach, dass ihr Fernseher- oder Computerbildschirm jeden Moment schwarz werden könnte.
„Doch überlegen Sie mal: Wenn jetzt, während des Song Contests, der Strom ausfiele – das würde die Leute aufrütteln!“, meint Andreas Karlsson enthusiastisch.

DIE NOTFALLTASCHE IST IMMER DABEI
Er stellt eine Tasche auf den Tisch. Darin befinden sich die wichtigsten Gegenstände, die er im Katastrophenfall brauchen würde. Immer wenn er das Haus verlässt, trägt er sie bei sich. Er nennt sie seine „Nach-Hause-Tasche“. Stück für Stück holt er den Inhalt heraus: ein Armeemesser, ein Erste-Hilfe-Set, einen Kompass, drei leere Plastikflaschen, ein Glas Erdnussbutter, ein Saugrohr mit Wasserreinigungsfilter und ein akkubetriebenes UKW-Radio. Als er noch fünf Silbermünzen zu Tage befördert, lacht er.
„Das mit den Münzen ist vielleicht ein bisschen albern. Aber während der Belagerung von Sarajevo wurde ja viel mit Gold gehandelt, und auch Silber hat in Krisenzeiten und bei Währungszusammenbrüchen immer seinen Wert behalten.“

Auf die Frage, warum er diese Vorkehrungen trifft, antwortet er spontan:
„Ich bin lieber ein Jahr zu früh gerüstet als eine Minute zu spät. Ich will nicht riskieren, dass mein Sohn oder meine Partnerin hungern müssen. Und ein Lebensmittelvorrat für ein paar Wochen kostet nicht die Welt.“

Immer wenn er das Haus verlässt, nimmt Andreas Karlsson eine Notfalltasche mit, damit er vorbereitet ist für eine Krise oder „SHTF“ (Shit hits the Fan), wie die Prepper sagen.      

 

STROMAUSFALL IN STOCKHOLM
Vor etwa zwei Monaten gab es in seinem Büro im Zentrum von Stockholm, wo er Dienstpläne für eine Kundendienstabteilung erstellt, einen Stromausfall. Seine erste Handlung bestand darin, seine drei Plastikflaschen mit Wasser zu füllen.
„Meine Kollegen dagegen gingen erst einmal auf Twitter. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass nach einigen Stunden kein Wasser mehr durch die Rohre fließt, wenn das Wasserwerk keine Notstromversorgung hat.“

Nach einem kurzen Infotelefonat schloss Andreas Karlsson, dass die Stromversorgung schnell wieder stehen würde. Doch falls nicht, wäre er vorbereitet.
„Der Netzausfallschutz eines Mobilfunkmasts hält etwa drei Stunden. Also hätte ich spätestens nach ein paar Stunden meine Familie kontaktiert. Bei Drohen eines längeren Stromausfalls würde ich Stockholm so schnell und so weit wie möglich hinter mir lassen wollen. Und es wäre schwer, dann ein Taxi zu bekommen“, sagt er mit einem schiefem Lächeln.

WAS KÖNNTE IM FALLE EINES STROMAUSFALLS SCHIEF GEHEN?
Ohne öffentliche Verkehrsmittel bräuchte Andreas Karlsson bei relativ gutem Wetter drei Tage bis nach Hause.
„Das schwächste Glied in meiner Vorbereitung ist die Entfernung zwischen meinem Arbeitsplatz und meinem Haus.“ Bis er dann endlich ankäme, wären wahrscheinlich schon viele Menschen hungrig. Im Winter würden sie außerdem frieren.
„Wenn der Strom ausfällt, schließen eine halbe Stunde später die Geschäfte. Nach 24 Stunden beginnen die Lebensmittel in Kühl- und Gefrierschränken zu verderben. Mit dem, was sie zu Hause haben, kämen die meisten nur wenige Tage aus.
Diejenigen unter uns, die von der Verwundbarkeit unserer Gesellschaft überzeugt sind, haben lange dagegen protestiert, das Level der Krisenvorbereitung zu senken. Leider geht der Trend in die falsche Richtung.“

Darum findet es Andreas Karlsson wichtig, das Thema Prepping öffentlich zu machen. Er hat einen Blog (urvaken.wordpress.com) gestartet. Dort sieht man auch seinen Namen und ein Foto von ihm, obwohl das einem Grundprinzip der Prepper widerspricht: OpSec. Der Begriff stammt aus dem Militär und bezeichnet den Schutz entscheidender Informationen während einer Operation. Für einen Prepper bedeutet OpSec zum Beispiel, seine Identität oder Informationen über seine Ressourcen geheim zu halten. Der Grund dafür ist, dass in einer Krise andere Menschen zur Gefahr werden können, wenn sie wissen, wo Ressourcen zu finden sind.
„Im Grunde ist das, was ich mit dem Blog tue, dumm. Doch das Thema ist so wichtig, dass ich nicht egoistisch sein darf. Ich spreche lieber offen über meine Vorbereitungen, als in meinem Keller vor mich hin zu schmoren.“

IM KELLER EINES PREPPERS
Andreas Karlsson steht von seinem Stuhl auf und zeigt uns die Tür zum Keller. Dort unten befinden sich die meisten seiner Krisenressourcen. Wir gehen die von einer flackernden Leuchtstofflampe erhellte Treppe hinunter. Es ist kalt und etwas feucht.

An den Wänden befinden sich deckenhohe Regale, vollgepackt mit Paraffin und Konservendosen. In der Ecke steht ein wasserdichter Kunststoffbehälter mit Toilettenpapierrollen. Auf dem Fußboden stapeln sich weitere Kisten, bis zum Rand mit Dingen gefüllt, die im Alltag nicht besonders bedeutend oder nützlich sind: Pappteller, Feuchttücher, Riemen, Dochte, Streichhölzer und Jodtabletten. In einer Krise jedoch wären sie ihr Gewicht in Gold wert. Wortwörtlich.
„Ich glaube, das Risiko für eine Katastrophe ist gering, doch die Auswirkungen wären enorm. In Prepper-Kreisen findet man Leute, die auf alles vorbereitet sind – vom Dritten Weltkrieg bis hin zu einer Invasion durch Außerirdische, einem Asteroideneinschlag und einem Sonnensturm.“
Eventualitäten, die sich in der Handlung von „The Road“ (2009) wiederfinden – Andreas Karlssons Lieblingsfilm. Wenn es um ihn selbst geht, sagt er jedoch:
„Ich bereite mich nicht darauf vor, die Erde neu zu bevölkern. Ich denke, es genügt, wenn meine Familie und ich im Krisenfall zwei Monate lang über die Runden kommen.“

Mit dem, was sie an Vorräten zu Hause haben, kämen die meisten Menschen nur wenige Tage über die Runden.
Sehr wertvoll in Krisenzeiten.

Karlsson ist der Ansicht, dass eine Krisensituation sich etwa eine Woche nach Eintritt eines Stromausfalls verschlechtern würde. Er schildert das Szenario einer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs, etwa weil es kein sauberes Wasser mehr gibt oder die Kommunikation zusammengebrochen ist.
„Weder Mobiltelefon noch E-Mail würden funktionieren. Und viele Leute besitzen keine akkubetriebenen UKW-Radios mehr.“

Er geht davon aus, dass es etwa zwei Wochen dauern würde, bis die Menschen beginnen zu verzweifeln.
„Das ist der Zeitpunkt, wenn erste Krankheitsfälle aufgrund des verschmutzten Wassers auftreten. Der Kraftstoff für die Notstromaggregate in Krankenhäusern wäre aufgebraucht, Beatmungs- und Dialysegeräte würden stillstehen. Menschen würden erfrieren. Am tragischsten ist, dass die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft am schlimmsten betroffen wären.“

DAS DILEMMA EINES PREPPERS
Nachdem er sich mehrere Jahre intensiv mit den Konsequenzen des Prepping auseinandergesetzt hat, entschied Andreas Karlsson, mit seinen Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn was würde er tun, wenn er mit genügend Lebensmitteln im Warmen sitzt und dabei zusehen muss, wie andere frieren und Hunger leiden? Während er darüber spricht, legt er seine Stirn in die verschränkten Hände. „Das wäre auf jeden Fall das Schlimmste. Was würde man tun? Die Leute wären verzweifelt. So ginge es mir zumindest an ihrer Stelle. Wem sollte ich in so einer Situation helfen? Ich bin kein Egoist. Im Grunde bin ich immer für andere da. Keine Ahnung, ich kenne die Antwort nicht.“

Als wir darüber sprechen, was andere über seine Prepping-Aktivitäten denken, gibt er zu, dass viele ihn für ein wenig paranoid und seine Szenarien für übertrieben halten.
„Ältere Leute wie meine Großeltern finden es hingegen völlig normal, dass ich Vorbereitungen für schwere Zeiten treffe. Schließlich haben sie Kriege und Ölkrisen aus nächster Nähe erlebt. Leider ist diese Einstellung in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vorhanden.“
Umfragen zeigen, dass sich gerade einmal einer von zehn schwedischen Haushalten in der Pflicht sieht, für den Fall eines Stromausfalls vorzusorgen. Das Gesetz schreibt jedoch vor, dass alle Stromabnehmer geeignete Vorkehrungen treffen müssen, um sich 24 Stunden selbst versorgen zu können. Und dies bezieht sich auf einen „normalen“ Stromausfall.

 NIEMAND IST GEGEN STROMAUSFÄLLE GEFEIT
Mikael Toll leitet die für eine sichere Energieversorgung zuständige Abteilung der schwedischen Energiebehörde.
Viele Menschen, insbesondere die jüngeren Generationen, leben in dem Glauben, dass immer alles reibungslos funktioniert und andere die Verantwortung tragen. Doch niemand ist gegen Stromausfälle gefeit. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem, wie die Öffentlichkeit die Krisenressourcen unserer Gesellschaft wahrnimmt, und dem, was wirklich verfügbar ist“, erklärt er.
Mikael Toll findet, dass Andreas Karlssons Stromausfallszenario keinesfalls von der Hand zu weisen ist, und erwähnt den Schneesturm in Westschweden im Jahr 1921.
„Es ist einmal passiert, also kann es jederzeit wieder geschehen. Ein solches Szenario zeigt, wie anfällig unsere Gesellschaft ist. Wir wissen nicht genau, was bei einem langfristigen Stromausfall passieren würde.“

BEI EINEM TOTALEN STROMAUSFALL STÜNDE SCHWEDEN STILL
Die schwedische Energiebehörde rät allen Stromverbrauchern, sich ihre persönliche Situation im Fall eines andauernden Stromausfalls vor Augen zu führen. Dies gilt für praktische Dinge wie einen Vorrat für drei Tage an Wasser, Licht und Lebensmitteln. Darüber hinaus sollten sie sich aber auch mit ihren Nachbarn bekannt machen.
„Je mehr Menschen einander helfen und zum Beispiel ältere Nachbarn unterstützen, desto mehr Ressourcen erhalten die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Die in einer Krise für die Allgemeinheit verfügbaren Ressourcen sind nicht darauf ausgelegt, die Anforderungen eines jeden vom ersten Tag an zu erfüllen“, erklärt er.

Mikael Toll ist vorsichtig, wenn er darüber spekuliert, wie die Gesellschaft nach einem vierwöchigen Stromausfall aussehen würde. Nach dem Schneesturm in Kanada im Jahr 1998 berichteten viele auch von positiven Erfahrungen. So sind die Menschen durch die gegenseitige Hilfe und Unterstützung in dieser schwierigen Situation enger zusammengewachsen. Albträume von einer verzweifelten, hungernden Bevölkerung, die plündernd durch die Straßen zieht, haben sich nicht bewahrheitet. Einbrüche und Vandalismus blieben eine Ausnahme. Das kann allerdings auch anders aussehen, wie kürzlich Unruhen in Berlin-Friedrichshain zeigten. Im März hatten Linksextremisten einen Stromausfall genutzt und Brände gelegt sowie einen Supermarkt überfallen.

Mikael Toll ist sicher, dass ein andauernder Stromausfall für viele schwierig wäre.
„Ohne Strom würde Schweden zum Erliegen kommen. Wir haben keine alternativen Systeme, auf die wir zurückgreifen könnten. Und unsere gesamte Gesellschaft hängt vom Strom ab. Zugegeben, es ist unwahrscheinlich, dass das ganze Land auf einmal betroffen wäre, aber es ist nicht unmöglich. Und Schwedens Fähigkeit, im Winter eine Energiekrise zu meistern, wurde noch nie getestet.“

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