DAS AUF UND AB DER KERNENERGIE

SCHWEDEN Vor einem Jahr sah die Zukunft der schwedischen Kernenergie noch trüb aus. Jedoch hat sich diese Situation nun geändert.

2016 lag die schwedische Kernenergie sichtbar am Boden. Aufgrund der niedrigen Strompreise, der Kapazitäts-steuer für Kernkraftwerke und der Notwendigkeit weiterer Sicherheitsinvestitionen in unabhängige Kernkühlsysteme drohte den Kernkraftwerken des Landes die Abschaltung innerhalb weniger Jahre.

Das Energieabkommen zwischen den Parlamentsparteien, das Anfang Juli 2016 vorgestellt wurde, brachte die Wende: Die Kernenergiesteuer von rund 0,07 schwedischen Kronen pro Kilowattstunde wurde abgeschafft.

„Das Energieabkommen war ein Wendepunkt. Die Abschaffung der Kernenergiesteuer war für uns eine wesentliche Voraussetzung, um notwendige Investitionen in unabhängige Kernkühlsysteme tätigen zu können“, sagt Mats Ladeborn, Head of Fleet Development der Abteilung, die in der Business Area Generation mit der Zukunftsplanung von Kernkraftwerken beschäftigt ist. 

Mats Ladeborn

Entscheidung über unabhängige Kernkühlsysteme
Beflügelt durch die neuen Zahlen wurde Mitte Juli dieses Jahres beschlossen, in das neue Kernkühlsystem für das Kraftwerk Forsmark zu investieren. Für Ringhals wird eine entsprechende Entscheidung auf wirtschaftlicher Basis voraussichtlich 2017 getroffen.

„Die Politiker haben verstanden, wie schlecht es um die finanzielle Lage der Kernenergie stand, dass sie aber beibehalten werden muss, während wir ein vollständig erneuerbares Energiesystem aufbauen. In der Übergangszeit ist Kernenergie eine wichtige, wetterunabhängige Energiequelle, die nicht zum weiteren Klimawandel beiträgt“, erläutert Ladeborn.

Die Kernkraftwerke sollen jetzt insgesamt mindestens 60 Jahre, das heißt bis in die 2040er-Jahre hinein, am Netz bleiben, sofern sie rentabel sind. „Wir wissen, dass mehr erneuerbare Energie ins System kommen wird. Da es aber schon jetzt einen Energieüberschuss in Schweden gibt, ist es wichtig, dass neue erneuerbare Energie erst auf deutlich längere Sicht in das Stromsystem eingeführt wird. Zu diesem Ergebnis kommt auch die schwedische Energiebehörde in ihrem Bericht über die künftige Gestaltung des subsidiären Systems für erneuerbare Energie in Schweden“, so Ladeborn.

Hohe Investitionen getätigt
Aufgrund der hohen Investitionen der vergangenen Jahre können die Reaktoren heute im Vergleich zu ihrem Neuzustand in vielerlei Hinsicht als sicherer und effizienter angesehen werden. Das unabhängige Kernkühlsystem soll bis 2021 einsatzbereit sein.

Die künftigen Anstrengungen werden sich deshalb vielmehr auf Kostensenkungen konzentrieren: Bis 2021 sollen die Produktionskosten auf 0,19 schwedische Kronen pro Kilowattstunde sinken. Derzeit kostet jede produzierte Kilowattstunde knapp über 0,20 schwedische Kronen und bisweilen liegt der Strompreis unter den Produktionskosten.

In allen Sektoren – Sicherheit ausgenommen – soll gespart werden: Verwaltung, Schulung, Einkauf von Material und Dienstleistungen und so weiter. Auch die Effizienz der Organisationen in Ringhals und Forsmark soll gesteigert werden. Das Programm „RingFors“ zielt darauf ab, durch den Austausch von Ressourcen und Erfahrung Kosten zu senken. Darüber hinaus soll die Zusammenarbeit mit der Wasserkraftsparte verstärkt werden, zum Beispiel hinsichtlich Kontrollausrüstung und Transformatoren.

„Offizielle Prognosen deuten auf einen künftigen Stromhandelspreis von knapp über 0,20 schwedische Kronen hin. Wenn wir es schaffen, die Kosten auf das Ziel von 0,19 schwedischen Kronen zu senken, können wir wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Ladeborn.

Forsmark

Organisation für die Stilllegung eingerichtet
Gleichzeitig werden vier Reaktoren stillgelegt. In Deutschland wurden Krümmel und Brunsbüttel bereits vom Netz genommen. In Schweden hat Vattenfall im April 2015 beschlossen, Ringhals 1 und 2 statt 2025 bis spätestens 2020 beziehungsweise 2019 abzuschalten. Hauptgrund dafür war die geringe Rentabilität aufgrund hoher Kosten und niedriger Preise. Investitionen waren nicht zu rechtfertigen, da einige Jahre später in jedem Fall die Stilllegung der Reaktoren nötig gewesen wäre.

Ziel ist es, sobald wie möglich, das heißt einige Jahre nach 2020, mit dem Rückbau der Reaktoren in Ringhals zu beginnen. Schwach- und mittelradioaktives Rückbaumaterial wird im Endlager in Forsmark gelagert. Der Rückbau der deutschen Reaktoren wird voraussichtlich länger dauern als in Schweden, unter anderem wegen des massiven Widerstands gegen Kernenergie in Deutschland, der selbst die Lagerung von nicht radioaktiven Materialien aus dem Kernkraftbetrieb schwierig macht. Der Rückbau von Kernkraftwerken erfordert akribische Präzision und Planung, die jedoch nichts Ungewöhnliches ist. In Europa wurden bereits etliche Kraftwerke zurückgebaut. 

„Wir bauen gerade die Business Unit Nuclear Decommissioning mit dem Ziel auf, führend bei der sicheren und effizienten Stilllegung von Kernkraftwerken zu werden“, erklärt Ladeborn.

Ringhals

Sinnvolle Investition
Die schwedischen Kernkraftwerke sind vollständig modernisiert, auch die beiden Blöcke, die jetzt stillgelegt werden. Unter anderem wurde Ringhals 2 vor kurzem mit neuen Turbinen und Transformatoren ausgestattet. 

„Rückblickend können wir uns fragen, ob es richtig war, diese Investitionen zu tätigen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung war es aber auf Grundlage der damaligen Kenntnisse und der Beurteilung der Marktentwicklung richtig“, sagt Ladeborn.

Ist es dann tatsächlich die richtige Entscheidung, in unabhängige Kernkühlung für die anderen Reaktoren zu investieren?
„Unsere Alternativen sind Stilllegung in 2020 oder Weiterbetrieb bis 2040 und darüber hinaus. Das bedeutet einen enormen Unterschied bei der Ertragskraft im Vergleich zu den Investitionen in Ringhals 1 und 2, wo die geplante Laufzeit rund zehn Jahre betrug. Bei den anderen Reaktoren blicken wir auf eine Laufzeit von 30 Jahren. Und wenn dazu noch die Abschaffung der Kernenergiesteuer und die künftige Preisentwicklung berücksichtigt wird, halte ich es für eine sinnvolle Entscheidung. Das letzte Wort haben aber die Boards von Ringhals und Vattenfall“, sagt Ladeborn. 

Vattenfalls Kernkraftwerk

Dieselbe Herausforderung, unterschiedliche Lösungen
Nach Fukushima wurden in allen Kernkraftwerken in der EU Stresstest durchgeführt. Das führte zu zusätzlichen Maßnahmen zur Erhöhung der Reaktorsicherheit, die in den Mitgliedsstaaten durchgeführt wurden. Ein gemeinsamer Faktor ist die höhere Belastbarkeit gegen Naturkatastrophen sowie die Maßnahmen gegen den Austritt von radioaktiven Substanzen. Die Konzipierung der Maßnahmen unterscheidet sich jedoch von Land zu Land.

In Frankreich, dem Land, das die meisten Kernkraftwerke in ganze Europa betreibt, lag der Schwerpunkt hauptsächlich auf mobiler Ausrüstung, wie z. B. Dieselgeneratoren und Tankwagen. Darüber hinaus wurden gemeinsame Lagerstätten für Sandsäcke und LKWs aufgebaut, um einen zügigen Aufbau von Barrieren gegen Überflutungen zu ermöglichen.

In Finnland wurden spezielle Kühlwasserpumpen installiert: sie werden mit Dampf aus den eigenen Prozessen des Kraftwerks betrieben.

Deutschland und die Schweiz gingen am weitesten. Man entschied sich dazu, alle Kernenergieprogamme zu streichen, im Fall von Deutschland bis 2022. Zusätzlich dazu wurden umgehend acht Kernreaktoren abgeschaltet, die zeitweise stillgelegt worden waren. Zwei davon waren die Kraftwerke Krümmel und Brunsbüttel von Vattenfall in Norddeutschland.

Jetzt müssen die schwedischen Kernreaktoren parallel zu den regulären Sicherheits- und Notstromsystemen mit unabhängigen Kernkühlsystemen ausgestattet werden. Die -Kernkühlung ist eine Auflage der schwedischen Behörde für Strahlungssicherheit (SSM), die ab dem 1. Januar 2021 erfüllt sein muss, um einen Reaktor weiter am Netz lassen zu können.

Vattenfall investiert insgesamt rund zwei Milliarden schwedische Kronen in unabhängige Kernkühlsysteme für fünf seiner Reaktoren. Die beiden ältesten Anlagen, Ringhals 1 und 2, werden spätestens 2020 beziehungsweise 2019 abgeschaltet.

Das Projekt wurde in Forsmark begonnen, wo gerade das Fundament für die neuen Gebäude gebaut wird. Die Arbeiten in Ringhals werden laut Plan ein Jahr später begonnen.

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