ÜBER DEN WOLKEN UNTERWEGS FÜR VATTENFALL

Dänemark Der Arbeitsplatz von Martin Knudsen ist ein leuchtend roter, fast 3.000 kg schwerer Hubschrauber, mit dem er die Servicetechniker von Vattenfall bei schlechtem Wetter sicher zu den reparaturbedürftigen Windturbinen in der Nordsee fliegt.

An einem sonnigen wolkenlosen Tag hebt der rote Helikopter sanft von der kleinen Landeplattform ab, auf der ihn der 36-jährige Hubschrauberpilot und Fluglehrer Martin Knudsen am Vortag abgestellt hat. Der Lärm der Rotoren wird leiser, als die Türen geschlossen werden, und Martin Knudsen setzt sein Headset auf, über das er ungestört kommunizieren kann. Knudsen führt den Helikopter langsam über das Rollfeld bis zum Startpunkt und lässt dann mit einer behutsamen Bewegung des Steuerknüppels die Fahrzeuge am Boden schrumpfen, bis sie in einer Höhe von 450 Metern nur noch wie Ameisen wirken.

Wenn er gerade nicht abhebt, ist Knudsen in einem kleinen Büro im Hangar von UNI-FLY am Flughafen Esbjerg anzutreffen. UNI-FLY ist die Partnerfluggesellschaft von Vattenfall, und Knudsen steht bereit, wenn die Servicetechniker von Vattenfall mit dem Helikopter transportiert werden müssen oder wenn aufgrund eines Unfalls an den Turbinen eine Luftevakuierung erforderlich ist. Der speziell ausgestattete Helikopter, der ungefähr 5,38 Millionen Euro gekostet hat und mit seinen beiden jeweils 800 PS starken Motoren ein wahres Kraftpaket ist, kann jede Situation an Land und auf See meistern.

„Wenn ich auf dem Pilotensitz Platz nehme, werde ich eins mit dem Helikopter. Ich weiß genau, wo ich drücken muss und wie viel ich aus ihm herausholen kann. Neben den Informationen, die mir die Instrumententafel liefert, senden die mechanischen Systeme unzählige Signale aus, die man als Pilot mit all seinen Sinnen deuten muss“, erklärt Knudsen mit einem Leuchten in seinen Augen, das keinen Zweifel dran lässt, dass er eine gehörige Portion Selbstvertrauen besitzt.

Während des Flugs müssen viele Instrumente im Blick sein

ERFAHRUNGEN IN DER ARKTIS
Knudsen hat allen Grund, so selbstbewusst zu sein, schließlich hat er die letzten 13 Jahre hinter digitalen Monitoren, Steuerknüppeln und Schaltern verbracht. Zweimal ist er sogar schon für die Royal Arctic Line geflogen, die unter anderem kleine Gemeinden an der Ostküste Grönlands mit Proviant versorgt. Diese Orte sind die meiste Zeit des Jahres von der Außenwelt abgeschnitten, aber Ende Juni beginnt das Eis zu brechen. Knudsen sollte vom Helikopter aus für das 110 Meter lange Versorgungsschiff eine Route durch das Eis finden.

„Die Seefahrt und das Fliegen haben viele Dinge gemeinsam, zum Beispiel das Navigieren. Wir nutzen ebenfalls Maßeinheiten wie Seemeilen oder Knoten, und in Grönland verwenden sowohl Schiffe als auch Helikopter alte See- und Landkarten, Landungsmarkierungen sowie Radarsysteme zur Peilung. GPS wird hier kaum genutzt, daher ist das Netz auch nicht so ausgebaut wie anderswo. Manchmal zeigte das System unsere Position an Land an, obwohl wir doch schon ein Stück weit auf dem Meer waren.“

Bei den Expeditionen auf Grönland konnte Knudsen wichtige Erfahrungen sammeln. Hoch oben in der Luft muss man improvisieren können und sich gegenseitig unterstützen, denn die langen Entfernungen machen alles schwieriger. In Nordgrönland musste Martin Knudsen mal einen älteren Mann mit Herzproblemen von einem Kreuzfahrtschiff holen, das den Hafen wegen Eis nicht befahren konnte. Das Schiff hatte keine Landeplattform, sodass der Patient mit einem kleineren Boot zu einer großen Eisscholle gebracht werden musste, wo Knudsen den Helikopter dann behutsam aufsetzte und den Patienten auf der Trage sowie den Schiffsarzt an Bord holte. Alles ging gut, der Patient erreichte schnell und sicher das Land und konnte behandelt werden.

Auf diese Weise kommen Vattenfalls Servicetechniker bei schlechtem Wetter zur Arbeit. Stellen Sie sich vor, wie es ist, in einem Helikopter zum Offshore-Windpark Horns Rev 1 in der Nordsee zu fliegen.

PRIVATKONZERT IN DER KABINE
Neben seinen Flügen in Grönland, unter anderem im Auftrag der Royal Arctic Line, der SIRIUS-Schlittenpatrouille der dänischen Streitkräfte sowie verschiedener Geologen, flog er auch Aufklärungsflüge, prüfte Kabelleitungen für dänische Versorgungsunternehmen, transportierte schwere Ersatzteile und brachte berühmte Persönlichkeiten wie die dänischen Sänger Medina und Mads Langer von A nach B. Besonders gern erinnert er sich an einen Trip, bei dem er in den Genuss privater Gesangseinlagen des dänischen Opernsängers Stig Rossen kam, der in Dänemark zwischen zwei Auftrittsorten unterwegs war. Seit 2008 ist Knudsen nun zurück in Esbjerg und fliegt regelmäßig zu Offshore-Windturbinen und Anlagen.

EIN STURM ZIEHT AUF
Die Servicetechniker von Vattenfall fahren meistens mit dem Boot, wenn sie für Wartungs- und Reparaturarbeiten zu den Windturbinen des Windparks Horns Rev 1 in der Nordsee gelangen müssen. Wenn die Wellen aber über 1,2 Meter hoch sind oder Eis auf dem Wasser ist, wird der Helikopter auf den Plan gerufen. In den Wintermonaten mit ihren heftigen Winden und hohen Wellen ist Knudsen mit seinem Hubschrauber deshalb am häufigsten im Einsatz.

„Normalerweise ist ein Flug deutlich kostspieliger, denn wir können nur vier Servicetechniker auf einmal mitnehmen. Das Surveillance Centre von Vattenfall in Esbjerg prüft jedoch genau, ob es teurer ist, die Turbinen stillstehen zu lassen oder ein Team mit dem Helikopter hinauszuschicken“, erläutert Knudsen.

Wenn die Servicetechniker mit dem Helikopter zu den Windturbinen fliegen, werden sie dort mithilfe eines Stahlseils und eines am Helikopter befindlichen Krans auf eine Plattform auf der Turbine heruntergelassen. Der technische Fachbegriff dafür lautet „Windenoperation“, ein Vorgang, der sonst vor allem bei Rettungseinsätzen für die Personenbergung zum Einsatz kommt und von UNI-FLY speziell für die Verwendung an Windturbinen weiterentwickelt wurde.

Bisher hat UNI-FLY mehr als 30.000 solcher Windenoperationen durchgeführt. Bei einem Großteil saß Knudsen, der an der Entwicklung der Technik beteiligt war, am Steuer des Helikopters.

Spezialistin für Turbinenblätter Rikke Balle auf ihrem Weg zu Horns Rev 1

PARKEN AUF EINEM A4-BLATT
„Es ist für uns wichtig, dass der Transport zum und vom Einsatzort sicher und komfortabel erfolgt. Wir gehen keine unnötigen Risiken ein, schließlich geht es bei der Stromerzeugung nicht um Leben und Tod wie bei einem Rettungseinsatz.

Alle Servicetechniker, die wir fliegen, haben eine Schulung bei uns absolviert, damit sie angemessen auf die Windenoperation vorbe-reitet sind. Ich bin selbst als Ausbilder bei solchen Kursen tätig“, erzählt Knudsen.

Auf die Frage, ob solche Operationen gefährlich seien, antwortet er, dass er es nicht tun würde, wenn es nicht 100 Prozent sicher wäre.

„Wir können zwar bei richtig schlechtem Wetter fliegen, aber wenn ich den Helikopter oberhalb einer Turbine ‚parke‘, muss ich immer volle Sicht auf die Turbine haben. Im Surveillance Centre von Vattenfall können alle Windturbinen von Land aus gesteuert werden. Erst wenn die Mitarbeiter dort die betreffende Turbine angehalten haben, beginnen wir mit dem Abseilen des Technikers.“

Knudsen erläutert, dass er den Helikopter auf einer Fläche in der Größe eines A4-Blattes halten kann. Unzählige Stunden müssen der Pilot und das andere Crew-Mitglied, das nicht nur die Winde bedient, sondern auch noch der Mechaniker des Helikopters ist, üben, bevor sie ein perfekt eingespieltes Team sind. In der Nähe der Turbinen sprechen beide dieselbe Sprache mit denselben Fachbegriffen, damit keine Missverständnisse entstehen.

„Über Wasser gibt es nicht die gleichen Turbulenzen wie an Land, sodass wir den Helikopter einfacher steuern können. Er ist voll ausgestattet mit einem Autopilot- und Stabilisationssystem, das beim Flug zum und vom Windpark zum Einsatz kommt. Während der Windenoperationen an den Windturbinen steuere ich den Helikopter allerdings komplett von Hand, denn die Flugautomatik ist nicht ausreichend, um über den Turbinen eine exakte Position  einzuhalten. Indem wir günstige Orientierungspunkte an der Turbine nutzen und in engem Kontakt mit dem Windenbediener stehen, können wir die Techniker auf präzise und sichere Weise absetzen.“

Servicetechniker hoch oben auf einer Windenergieanlage des Windparks Horns Rev 1

BEREITSCHAFT IM NOTFALL
UNI-FLY ist auch in Rufbereitschaft, wenn jemand auf einer der Offshore-Turbinen verletzt wird.

„Einmal habe ich einen Mann von einer Plattform gerettet, weil befürchtet wurde, er habe eine Embolie. Der Helikopter kann im Handumdrehen umgerüstet werden, sodass Platz für eine Trage ist, und wir können innerhalb weniger Minuten in der Luft sein. Bei einem Rettungseinsatz haben wir ein komplettes Notfallset mit an Bord, mit Trage, Defibrillator, medizinischer Ausrüstung und vielen weiteren Geräten, damit wir jede denkbare Situation meistern können.“

Bei einem Unfall arbeitet UNI-FLY mit der Rettungsfirma Falck zusammen, die einen Rettungsassistenten zur Verfügung stellten. Da bei solchen Einsätzen jede Minute zählt, ist das medizinische Personal auch darin geschult, sich auf die Windturbine abseilen zu lassen, um direkt vor Ort Hilfe zu leisten. Anschließend kann der Helikopter die verletzte Person dann schnell zurück an Land bringen.

PROFESSIONELLE ZUSAMMENARBEIT
Knudsen liebt seinen Job in der kleinen Kabine und genießt seine täglichen Erlebnisse in der Luft. Das Gleiche gilt für die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen bei Vattenfall, sowohl an Bord des Helikopters als auch im Surveillance Centre in Esbjerg.

„Alle sind Profis und kennen sich mit den erforderlichen Sicherheitsprozessen aus. Das macht es für die Helikopter-Crew einfacher, und wir können fast alle Aufgaben gemeinsam lösen“, erläutert Knudsen, bevor er einen Blick auf das Wetter wirft und zusammen mit seinem Kollegen, der die Winde bedient, den Helikopter unter die Lupe nimmt, damit alles für den nächsten Einsatz hoch oben über Esbjerg vorbereitet ist.

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